Blutprobe

Die hier abgegebene Blutprobe ist nicht immer aus Herzblut. Manchmal ist es auch nur ein wenig Blut aus einem Pieks am Finger. Oder von einem Schnitt. Aber immer stammt es aus meinem Inneren und ist durch meine Adern geströmt, bevor es hier landete.

Oder um es ganz unverschwurbelt auszudrücken: Hier stelle ich immer mal wieder einen Text von mir ein.

 

Dass ich diesen Text beendet hatte, war mir völlig entfallen. Ich habe ihn vor zwei Jahren angefangen und dann unfertig weggelegt – dachte ich. Weggelegt ja, unfertig nein. Gestern habe ich ihn zufällig wiedergefunden. Jetzt soll er hier zu seinem Recht kommen.

Am Strand

Der kleine Junge hebt den Kopf. „Mama, ich hab so Durst!“
Seine Mutter Rehan streicht ihm sanft über den Kopf. „Scht, Aylan, nicht mehr lang, dann bekommst du so viel zu trinken, wie du magst.“ Die Worte, die zwischen ihren aufgesprungenen Lippen herauströpfeln, sind kaum zu verstehen, doch das macht nichts, sie sagt sowieso immer dasselbe. Seit Tagen schon.
Aylans älterer Bruder Galip spricht nicht. Er weint nicht einmal mehr, hängt nur noch erschöpft im Arm seines Vaters. Verzweifelt hebt Rehan den Kopf und sieht Abdullah an. Der schaut weg, er schämt sich, dass er seiner Familie nicht helfen kann. Ihm ist kalt, so kalt, doch er versucht, mit dem Rest seiner Körperwärme seine Söhne zu schützen. Er wünschte, sie hätten ihnen die Schwimmwesten nicht weggenommen. Außer ein wenig Sicherheit würden sie vielleicht auch ein wenig Wärme spenden. Aber gerade weil sie so dick waren, haben sie sie gezwungen, alle Schwimmwesten auszuziehen, sonst hätten weniger Leute aufs Boot gepasst. Zu wenige, hatten sie gesagt.
Er hebt den Blick. Viel zu viele Menschen sind auf diesem kleinen Boot, sie alle wollen fort von der Hölle, zu der ihr Zuhause geworden ist. Sie wollen wieder von Weckern geweckt werden anstatt von Bombendonner. Sie wollen einkaufen gehen, in Läden, die Stein auf Stein in der Straße stehen, mit Scheiben in den Fenstern und mit Türen, mit vollen Regalen. Sie wollen leben.
Abdullah schaut zum Himmel und senkt den Blick sofort wieder. Graue Wolkenfetzen überholen das Boot, das in der noch graueren See hin und her schaukelt. Zwei Tage, hatten sie gesagt, zwei Tage sollte die Überfahrt dauern, dann wären sie im friedlichen Europa. Von da aus will Abdullah mit seiner Familie weiter nach Kanada, zu seiner Schwester. Sie hat das Geld geschickt, damit sie die Überfahrt bezahlen konnten. Das war mehr als zwei Tage her, doch Abdullah ist in der Eintönigkeit der Wasserwüste mit dem Zählen der Tage durcheinandergekommen.
Sie hatten es ja schon bis in die Türkei geschafft, aber dort waren die Zustände nicht viel anders als in Kobane. Nur die Bomben fehlten, doch dafür waren sie eingesperrt, wurden von den Wachleuten verhöhnt und bespuckt und geschlagen. Es gab nicht genug zu essen für alle, dafür Schlamm und Dreck. Davon für jeden mehr als genug.
Eine Welle trifft das Boot, Gischt spritzt hoch und stäubt auf die Bootsinsassen. Sie können nichts mehr tun, sie machen sich schon so klein wie möglich, um weniger Angriffsfläche zu bieten. Nur noch warten. Warten und hoffen, dass diese Fahrt zu Ende geht und sie überleben.
Zwei haben es nicht geschafft, eine alte Frau und ein kleines Kind. Sie haben die Leichen über Bord geworfen, doch mehr Platz haben sie jetzt auch nicht.
Abdullah hebt den Kopf. Hat gerade jemand etwas gerufen? Auch andere schauen fragend auf. Weiter vorne hat jemand die Arme ausgestreckt.
„Land!“, schreit der Mann in einem grauen Pullover, „Da ist Land!“
Alle schauen in die Richtung, in die er weist. Abdullah kneift die Augen zusammen. Immer war er unter seinen Brüdern der mit dem Adlerblick gewesen. Seine Brüder … er weiß nicht, ob sie noch leben oder ob sie schon gefallen sind. Sie wurden eingezogen, um in diesem sinnlosen Krieg zu kämpfen, man weiß gar nicht genau, wer gegen wen.
Tatsächlich, am Horizont zeichnet sich ein etwas dunklerer grauer Streifen ab, solide Materie. Abdullahs Herz beginnt zu klopfen. Er spürt es das erste Mal wieder, seit er auf dem Boot ist. Er sieht Rehan an und nimmt ihre Hand. In ihren Augen sieht er die Hoffnung aufblitzen, die auch er fühlt, sie versucht ein Lächeln.
Dann bekommt Abdullah einen Stoß von hinten, fast fällt er auf seine Kinder. Auch Rehan wird gestoßen. Panisch versucht Abdullah, sie alle festzuhalten, jemand brüllt „Bleibt sitzen, setzt euch wieder hin!“, doch es nützt nichts. Immer heftiger drängen die Bootsinsassen nach vorne, so als würden sie so schneller vorankommen, schneller endlich wieder festes Land unter den Füßen spüren, süßes, klares Wasser trinken.
Doch das Gegenteil ist der Fall. Abdullah will schreien, als das Boot in Schieflage gerät, doch dann ist er schon im Wasser. Das Wasser ist hart und kalt, er fühlt sich, als sei er in einen Stein gefallen. Doch nein, er kann sich bewegen, strampelt sich nach oben, taucht auf in die feuchte Herbstluft und zieht panisch den Atem in die Lunge. Rehan, wo ist Rehan? Er hat ihre Hand nicht mehr in seiner. Er umklammert Aylan und Galip. Sie müssen das Boot erreichen. Wo ist das Boot?
Um sich herum sieht Abdullah nur Menschen, die wie er versuchen, über Wasser zu bleiben. Er kann das Boot nicht finden, es muss doch hier sein, wo ist das Boot?
Die nächste Welle schlägt über ihm zusammen, er ist wieder unter Wasser, nur noch mit Überleben beschäftigt. Er spürt seinen Körper nicht mehr, doch der arbeitet noch, die Beine strampeln, er schafft es wieder an die Oberfläche.
Da! Ein Schiff! Es hält auf sie zu, wer kann, schreit, um auf sich aufmerksam zu machen, um zuerst an Bord zu kommen. Rettung, Leben!
Abdullah will schreien, doch als er den Mund öffnet, spritzt ihm nur das salzige Wasser hinein. Er schluckt vor Schreck, hustet angewidert. Strampeln, mit den Beinen treten, nur über Wasser bleiben.
Noch zwei Mal taucht er in die kalte Dunkelheit, bevor er an Bord gezogen wird. Er will den Rettern seine Kinder übergeben, sie sollen zuerst versorgt werden.
Fassungslos starrt Abdullah auf seine Arme. Sie sind leer. Er streckt sie den Helfern entgegen, sie sollen seine Kinder nehmen, sie wärmen, ihnen zu essen und zu trinken geben. Er begreift es nicht, er hat sie doch festgehalten, sie müssen doch da sein. Er hört jemanden wimmern, weiß nicht, dass er es selbst ist, versucht, sich aufzurichten, will seine Kinder suchen. Sie müssen doch da sein. Er hat sie doch festgehalten.

Ein Junge liegt am Strand. Er liegt auf dem Bauch, den Kopf fast im Wasser. Das kleine rote T-Shirt ist hochgerutscht und gibt den Bauch frei. Ein Foto geht um die Welt.

Aylan Kurdi wurde drei Jahre alt.

 

Wer sich nicht erinnert: Hier gibt es den Kontext.

 

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